Später Neuanfang: So gelingt ein Umzug im Alter

Am Lebensabend noch einmal umziehen? Die Vorstellung kann für ältere
Menschen der Horror sein. Dass sie sich dagegen sträuben, hat oft vor
allem emotionale Gründe. Wie packt man es dennoch an?

So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu wohnen, das ist für viele ältere Menschen nach wie vor
das Ziel. Ein Großteil von ihnen verbindet einen anstehenden Umzug
vor allem mit Stress. Doch es geht anders.



Denn auch wenn der Umzug nicht aus Gründen der Selbstverwirklichung,
sondern aus rein praktischen Motiven erfolgt, muss er längst kein
Horrorszenario sein. Worauf kommt es an, damit nicht nur der Umzug,
sondern auch der Neuanfang bestmöglich gelingt?



Lieber frühzeitig Gedanken machen


Wenn die Stufen hinauf zur Wohnung unüberwindbar scheinen und auch
das Schmeißen des Haushalts zur immer größeren Herausforderung wird,
beginnen viele ältere Menschen und ihre Angehörigen zu überlegen, ob
nicht ein Umzug in eine barrierefreie Wohnung oder in eine betreute
Wohnform das Leben erleichtern würde.



Dadurch werde der Umzug allerdings oft negativ wahrgenommen, sagt die
Psychologin Eva Asselmann. Nämlich als ein Hinweis darauf, dass man
nicht mehr so fit und selbstständig ist, wie man sich das wünscht.



Wenn der Umzug dagegen noch nicht akut notwendig ist, lässt sich ein
neutraleres Bild machen. Mit Blick auf die eigene Zukunftsplanung ist
es ohnehin wichtig, sich rechtzeitig umfassend über mögliche Optionen
zu informieren. Asselmann empfiehlt, sich schon relativ früh, mit 50
oder 60 Jahren, Gedanken zu machen, was einem im Alter wichtig sein
könnte und wie man in 15 Jahren leben möchte.



„Wenn man noch fit ist, erscheint das Alter zwar in weiter Ferne,
aber es kann auch beruhigend sein, so früh zu planen“, sagt sie.



Der Alternsforscher Prof. Frank Oswald forscht seit rund 20 Jahren zu
Entwicklung, Lebensqualität und Wohnen im höheren Alter. Er bestätigt
die Empfehlung, die Asselmann gibt: „Es macht auf jeden Fall Sinn,
sich früh und möglichst angstfrei mit dem Thema Wohnen im Alter
auseinanderzusetzen und sich vorzubereiten.“



Doch auch wenn wir wissen, was gut für uns wäre, tun wir es oft
nicht, ganz unabhängig vom Lebensalter. „Wir Menschen warten häufig
ab, was geschieht und dann reagieren wir“, sagt Oswald. Immerhin
seien wir im Reagieren recht gut - auch noch im höheren Alter.



Emotionaler Widerstand gegen praktische Gründe


Für die Psyche kann ein Umzug am Lebensabend belastend sein. „Je
älter Menschen werden, desto schwieriger werden Veränderungen für
sie“, erklärt Sabrina Odijk, die das Soziale Ehrenamt beim Malteser
Hilfsdienst leitet. Gerade alte Menschen vertrauen viel auf Routinen,
insbesondere wenn noch eine Demenz hinzukommt. Ein kompletter
Neuanfang kann daher oftmals verunsichern.



Dazu kommt: Wer schon lange an einem Ort wohnt, ist oft stark
gebunden an sein Zuhause, die Umgebung und die Nachbarschaft oder die
Gemeinde. Während also praktische Gründe für einen Umzug sprechen
mögen, regt sich emotional oft noch großer Widerstand dagegen.



„Umzüge gelten generell als kritische Lebensereignisse, die mit viel
Umstellung verbunden sind“, sagt der Psychologe und Alternsforscher
Prof. Hans-Werner Wahl.



„Wohnen im weitesten Sinne ist mehr als Alltagshandeln und
Ausstattung, es ist immer auch mit einer emotionalen Geschichte
verbunden“, sagt Frank Oswald. Für die Betroffenen fühlt sich die
Situation meist anders an, als sie von außen betrachtet erscheinen
mag. Emotionale Bindung ist nicht so sichtbar wie Barrieren.



„Einige ältere Menschen gehen aus Gründen der Verbundenheit lieber
das Risiko ein, etwa auf ihrer Treppe zu stolpern, als diese Treppe
umzubauen oder sich gar vom dazugehörigen Zuhause zu trennen“, sagt
Oswald. Angehörige sollten die Verbundenheit ernst nehmen.



Vorteile und Nachteile gemeinsam abwägen


Am besten setze man sich gemeinsam hin und schreibe eine Liste mit
allen Vor- und Nachteilen auf, rät Hans-Werner Wahl.



Eine „wohlgemeinte Überfürsorglichkeit“ könne indes schnell dazu
führen, dass sich die ältere Person entmündigt fühlt, warnt Sabrina
Odijk. Selbst bei kognitiv beeinträchtigten Menschen sei es wichtig,
einen partnerschaftlichen Umgang zu wahren, sagt Wahl - damit die
ältere Person Teil des Geschehens bleibe.



Mit neuem Wohnort beschäftigen


Fühlt man sich bei den wichtigen Entscheidungen zum Umzug gut
eingebunden, gelingt womöglich auch die Anpassung an den neuen Ort
besser. Besonders bedeutsam ist dabei, wie aktiv man vor Ort am Leben
teilhaben könne, sagt Psychologin Asselmann.



Denn eine barrierefreie Wohnung bietet zwar eine wichtige Grundlage,
bringt aber nur wenig, wenn die Umgebung nicht passt. Wie weit ist es
zum nächsten Supermarkt und zur Apotheke? Welche Seniorentreffs und
Freizeitangebote gibt es? Sind Familie und Freunde gut erreichbar?
Wer sich möglichst viel und oft mit dem neuen Wohnort beschäftigt,
kann dadurch neue Sicherheit gewinnen.



Ankommen beginnt beim Abschiednehmen


Ein erfolgreiches Ankommen beginnt schon beim Abschiednehmen von der
alten Heimat, sagt Alternsforscher Oswald. Besonders wenn der Umzug
mit einer Verkleinerung einhergeht, muss man sich von vielen
liebgewonnen Gegenständen trennen.



Was wichtig ist, kann man nur selbst entscheiden - nicht die
Angehörigen. Oft zählt nicht der materielle Wert, sondern die
emotionale Verbundenheit. Beim Entrümpeln sollte man sich, wenn es
geht, unbedingt aktiv einbringen - die Angehörigen sollten hier
darauf achten, dass das nach Möglichkeit geschieht.



Am besten ist es, wenn man selbst schon einige Wochen im Voraus
beginnt, zu sortieren: Was kann weg und was muss mit? Wohnberater,
die auf Seniorenumzüge spezialisiert sind, können bei diesem Prozess
gegebenenfalls professionelle Unterstützung bieten.



Das Aussortieren von Gegenständen fällt oft leichter, wenn ein
Großteil nicht auf dem Sperrmüll landet, sondern weiterverschenkt
oder für einen guten Zweck gespendet werden kann. Statt rigoros zu
entsorgen, rät Hans-Werner Wahl, sich bewusst Zeit für den Abschied
zu nehmen und sich beispielsweise vor Augen zu führen, welche Rolle
ein treues Möbelstück im Leben gespielt habe.



Ein weiterer Tipp von Wahl: „So eine kleine „Umzugsfeier“, vielleicht
auch noch mit gemeinsamen Essen, kann helfen, um sich abzunabeln.“

Quelle: dpa